Erziehung
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Flüstert ihr noch oder trainiert ihr schon?

Wenn man einen Hund hat, bewegt man sich automatisch in der Hundeszene. Das gehört einfach dazu. Man wird mit anderen Hundebesitzern konfrontiert, liest auch mal in der Zeitung den Artikel mit der Ãœberschrift “Fiffi entlaufen” und schaut mit einem Auge mit, wenn im TV “Tierisch” gezeigt wird. Alles im normalen Bereich, wie ich finde.

In letzter Zeit aber schiessen sogenannte Hundeflüsterer wie Pilze aus dem Boden, viele bezeichnen ihre Arbeit mit dem Hund als gewaltfrei oder werben damit, dass man keine Leckerli für ein erfolgreiches Hundetraining benötigt wie z.B. “Persönlichkeit statt Leckerli”. Das macht neugierig. Was kann der, was ein Hundetrainer nicht kann? Warum nennt er sich überhaupt so?

Kürzlich im TV folgenden Hundeflüsterer-Fall gesehen:

Ein junger Hund hat panische Angst vor fremden Menschen und bellt aufgeregt, wenn es zu solchen Begegnungen kommt. Solange er ausweichen kann, bleibt es dabei. Kann er aber die Distanz von sich aus nicht bestimmen, weil er z.B. angeleint ist, wird er zunehmend aufgeregter und fletscht auch mal die Zähne. Der Besitzer weiss sich nicht zu helfen, der Hund stammt aus dem Ausland und wurde nicht als Welpe, sondern erst als junger Hund übernommen. Welche Erfahrungen er bislang mit fremden Menschen gemacht hat, weiss man nicht im Detail. Aus dem Verhalten lässt sich aber schliessen, dass es zu einer unangenehmen Situation gekommen sein musste.

Der Hundeflüsterer wird nach Hause bestellt. Er hat die Lösung schon parat. Er hält den Hund fest, legt ihn dann schwungvoll auf den Rücken, macht sonderbare Zischgeräusche und übt immer wieder einen Ruck auf den am Halsband angebundenen Hund aus. Dieser reagiert panisch, kann nicht flüchten, schnappt aus Verzweiflung nach dem Hundeflüsterer, schreit und ergibt sich schlussendlich in völliger Hilflosigkeit. Dies ist der einzige Weg, der dem verunsicherten Hund offen gehalten wird. Ursache behoben?

Gemäss Hundeflüsterer war dies nöig. Sein Wille musste gebrochen werden. Der Hund hat nun gelernt, dass er sich fremden Menschen gegenüber ruhig verhalten soll. Tatsächlich, der Hund ist ruhig.

Schaut man genauer hin, sieht man, dass sein Kopf gesenkt ist, die Rute zwischen den Beinen eingeklemmt, er meidet Augenkontakt zum Hundeflüsterer.

Der Hund hat also Angst vor fremden Menschen. Ein solcher fremder Mensch spaziert selbstbewusst zur Tür herein, an einen Ort, wo sich der Hund bislang sicher gefühlt hat. Dieser Hundeflüsterer sagt von sich aus, er wendet keine Gewalt an. Tatsächlich wird der Hund aber missbraucht. Sein Bedürfnis wird nicht ernst genommen, die Angst die er verspürt, muss er aushalten. Den Körperkontakt zum Hundeflüsterer muss er hinnehmen ebenso wie das Rucken am Halsband. Mit den zischenden Warnlauten wird er zusätzlich verwirrt.

Und immer noch gibt es Hundetrainer, die es als sinnvoll erachten, einem Hund den Willen zu brechen, indem sie ihn auf den Rücken drehen, teilweise sogar werfen.

Jetzt mal Klartext: Den sogenannten Alpha-Wurf findet man bei Kommentkämpfen unter erwachsenen Tieren während einer Auseinandersetzung. Keinesfalls dient dieser als Bestrafung, so wie wir es uns vorstellen. Gegenüber Welpen wird so weder von der Mutterhündin noch vom Alpharüden vorgegangen. Und würde man sich das in der freien Natur mal genauer ansehen, so würde man erkennen, dass die Tiere nicht “heruntergedrückt” werden, sondern eher auf der Seite liegen.

Ja die Hundeszene verleitet mich manchmal sogar dazu, bei der TV Sendung “Universum” Halt zu machen, wenn ein Rudel Wölfe auf dem Bildschirm zu sehen ist. Hunde, die sich “auf den Rücken legen”, machen dies als Demuts- und/oder Beschwichtigungsgeste, wohlwissend das dadurch eine Beisshemmung bei dem Ranghöheren ausgelöst wird. Diese freiwillige und in freier Natur lebenswichtige Verhaltensweise wird aber von uns durch ein auf den Rücken drehen erzwungen und zeigt also nicht das eigentliche freiwillige Verhalten bzw. den Sinn der Sache.

Viele Hunde reagieren in der Rang- und anschliessenden Rudelordnungsphase panisch, wenn Besitzer solche Dinge praktizieren und aus der Defensive heraus wird dann vom “Unterworfenen” so richtig zugebissen.

Der Hundeflüsterer-Fall: Zurück bleibt ein Häufchen (Hunde-)Elend. Kein Vertrauen. Nur Angst. Angst die nun aber nicht mehr gezeigt werden darf. Sonst folgen Schmerzen und weitere angstmachende Taten.

Kein Hund hat es verdient, so behandelt zu werden. Jedes Lebewesen hat das Recht auf ein gutes Leben. Wir entscheiden uns für einen Hund und sind dazu verpflichtet, ihm Sorge zu tragen.

Es braucht Menschen, die sich auf Hunde einlassen, ihr Vertrauen gewinnen und sie verstehen, damit man als Team gemeinsam die Probleme überwinden und stärker werden kann.

Aber Hundeflüsterer? Die braucht die Welt nicht.

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